Es war einmal vor gar nicht lange her . . . da lebte Großmütterchen Tove im Wald. Er tat es bereits schon sehr lange, das im-Wald-leben (liegt an der billigen Miete), und seit kurzem lebte auch seine Enkelin, Rotschlämpchen, bei ihm. Sie machte eine Lehre um professionelles Tratschweib und Geschichtenerzählerin zu werden, so wie ihr großes Vorbild Großmütterchen Tove. Rotschlämpchens Schwester, Schneeflittchen, war Leiterin der Märchenland-Psychiatrie Moné Rouge. Ihr Vater hatte wichtigere Sachen zu tun, als sich um seine beiden reizenden Töchter zu kümmern: er regierte das Märchenland. König Toifel war ein sehr gewissenhafter Regent und seine Frau May saß immer brav an seiner Seite um bei diversen wichtigen Ereignissen fröhlich zu lächeln und zu winken. Sie waren alles in allem eine glückliche, makellose Familie. Nun ja, fast. Schließlich ist nichts und niemand perfekt …
Wie dem auch sei, unsere Geschichte beginnt jetzt:

„So und das hier ist es schließlich, das Geheimrezept meines Erfolges!“, verkündete Tove stolz und zog Siegfrig-und-Roy-like ein rotes Seidentuch vom kleinen Tischchen. Zum Vorschein kam eine circa 10cm große bräunlich schimmernde Kugel.
„Die is’ aber klein“, lies Rotschlämpchen enttäuscht vermerken und beäugte das einfache Ding näher.
„Ja äh . . .“, gab Tove etwas in seinem Stolz gekränkt zu. „Das ist bereits ein altes Modell, aber damals äh, damals war Qualität noch echte Qualität!“
Beide beugten sich näher zur Kugel. Großmütterchen Tove drückte auf „Power“ und ein Flackern zog sich vom einen zum anderen Ende der Kugel (an dieser Stelle werde ich garantiert keine Diskussion dulden, ob Kugeln ein Ende haben oder nicht). Es rauschte eine Zeit lang, danach konnte man ein unscharfes Bild erkennen.
Rotschlämpchen verdrehte die Augen und stöhnte resigniert. Tove räusperte sich etwas verlegen und schlug mit der Faust ein paar Mal auf die Kugel, bis das Bild schärfer wurde.
„So also, sieh mal, hier kannst du die Frequenz ändern und dort die Lautstärke“, erklärte das Großmütterchen und zeigte dabei auf einige Knöpfe und Räder am Sockel der Kugel.
„Können wir jetzt endlich mal zum Lauschen anfangen?“, drängte Rotschlämpchen und klopfte fickrig mit dem Fußballen auf den harten Holzboden, wo ein kleiner Borkenkäfer ihrem Fuß gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte.
„Dräng mich nicht. Die Gabe, zur richtigen Zeit den Richtigen zu belauschen, will gelernt sein.“
Großmütterchen Tove beugte sich noch näher zur Kugel. Gekonnt griff er in seine geblümte Schürzentasche und holte eine schwarze Sonnenbrille hervor.
„So, mal schauen, wen wir da hätten . . .“
Großmütterchen Tove lebte sehr zurückgezogen im Magischen Märchenwald des Märchenlandes Steiermark. Inmitten einer großen Lichtung stand das schon mehrere Jahrzehnte alte Haus. Nicht selten kamen die Insassen der Märchenland-Psychiatrie vorbei, die gerade wieder einmal ausgebüchst waren. Die landeseigene Psychiatrie hatte insgesamt nur 7 zu behandelnde Patienten, und wurde geführt von Rotschlämpchens Schwester, Schneeflittchen, die bereits seit einigen Monaten in dem Gewerbe tätig war. Sie arbeitete sehr eng mit dem in Märchenland-City bekannten Psychodoktor Dr. Freud zusammen. Hierbei wollen wir schnell mal in seine Praxis switchen, wo sich gerade Interessantes zuträgt.


„Mein kleiner grüner Kaktus, steht auf Freuds Regal, hollarie, hollara, hollaro!“, sang Schmitte unbekümmert, während er seine Kakteen goss, die alle in Reih und Glied auf einem langen Regal in einem vollkommen mit Birkenholz vertäfelten Raum standen.
Doch er befand sich nicht alleine im großen Zimmer.
„Würdest du endlich mal aufhörn zu singen? Das nervt gewaltig!“, sagte Dr. Freud mürrisch, der sich in die Akte seiner nächsten Patientin vertiefen wollte.
„Meine Kakteen brauchen eben die ihnen gebührende Liebe und den Respekt“, gab Schmitte leise zurück und zupfte verbogene Stachel aus einem Kaktus.
„Genau! Dafür, dass ich Ihnen bei Ihren Diagnosen helfe, sind Sie ziemlich unhöflich, Doktor!“, piepste ein kleiner Kaktus ganz links auf dem Regal und andere seiner Art wackelten zustimmend.
„Ach haltet doch die Klappe!“, rief Dr. Freud und kramte in seinen vielen Schreibtischschubladen nach einer Kopfwehtablette, die er gleich mit einem vollen Wodkaglas hinunterspülen wollte.
„Du solltest nicht soviel trinken, die letzte Sitzung mit Schrumpelstielzchen endete deswegen im Puff, nur weil du wieder mal nicht 'Nein' sagen konntest in deinem Suff!“, versuchte Schmitte seinen Kollegen zu mäßigen. „Oh, ein wunderbarer nicht beabsichtigter Reim!“
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln goss er seine restlichen Kakteen fertig.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Ja, bitte?“, flötete Schmitte fröhlich und stellte die kleine rosarote Gießkanne auf einem kleinen rosaroten Tischchen ab. Federnden Schrittes begab er sich zur großen Tür, die vom Vorraum der Praxis ins Therapiezimmer führte. Er öffnete. „Oh hallooooo!“, rief er entzückt, als er Schneeflittchen erblickte, die etwas angeschlagen wirkte. „Lass dich knuddeln!“
Ohne Vorwarnung begann Schmitte, die Besucherin fest zu umarmen, bis Dr. Freud dazwischen ging und Schneeflittchen von seinen Fängen löste.
„Lass unsere Patienten - nur ich hab das Recht, sie knuddeln zu dürfen!“, sagte er eingeschnappt.
„Wenn du wüsstest …“, murmelte Schmitte und wandte sich trotzig seinen Kakteen zu, bei denen sich das Wasser bereits in den Töpfen staute, und begann, sie erneut zu gießen.
„Was führt dich zu mir, Schneeflittchen?“, fragte Dr. Freud und führte sie zu seiner großen bequeme Couch in der Mitte des Zimmers. Er selbst setzte sich daneben auf einen großen Sessel, nahm sein Klemmbrett mit den Unterlagen zur Hand und notierte bereits eifrig.
„Ach es geht wieder um Dumm und Doof“, jammerte Schneeflittchen. „Sie sind mir schon wieder aus der Irrenanstalt entfloh’n!“
„Aber das ist doch nicht Neues mehr?“
„Natürlich nicht, aber diesmal sind sie einfach zu weit gegangen. Sie haben die arme Küchenhilfe mit der kochendheißen Suppe, der Empfehlung des Tages unserer Kantine, übergossen. Wir mussten sie ins Hospital bringen.“
„Oh das ist wahrlich schrecklich“, meinte Dr. Freud und nippte an seinem Wodkaglas, das sich inzwischen wieder gefüllt hatte.
„Natürlich ist das schrecklich, die schöne Suppe ist dahin! Nun frag ich dich, was sollen wir heute essen? Wir haben nichts mehr in den Schränken, geschweige denn im Tiefkühler!“
Schneeflittchen seufzte theatralisch.
„Ich werde Schmitte bitten, einkaufen zu gehen. Er wird sich um alles Nötige kümmern“, sagte Dr. Freud und versuchte seine Patientin zu beruhigen.
„Ach Doktor, ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde.“, sagte Schneeflittchen. „Aber ich habe Dumm und Doof noch immer nicht gefunden … sie müssen sich wohl ein neues Versteck ausgedacht haben.“, gab sie zu bedenken.

Das Gespräch wird zunehmends langweiliger, da weder Schneeflittchen noch Dr. Freud gut im Smalltalk ist. Das stört uns aber nicht weiter, denn wir wechseln einfach die Location und befinden uns nun über den Wolken (muss die Freiheit wohl grenzenlos sein … ) wo die junge Wetterfee Holle mit ein paar Schäfchenwolken zu kämpfen hat.

 

Fortsetzung folgt ...